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Gendern in Abschlussarbeiten
Ein bemerkenswerter Befund vorab: Eine bundesweit einheitliche Regelung zum Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten existiert nicht – der Rat für deutsche Rechtschreibung hat Genderzeichen wie Stern oder Doppelpunkt bislang nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen, während viele Hochschulen eigene Leitfäden veröffentlicht haben. Genau diese Lücke macht das Thema für Studierende so unübersichtlich. Die Frage nach geschlechtergerechter Sprache in wissenschaftlichen Abschlussarbeiten ist dabei längst nicht mehr nur stilistischer Natur: Sie berührt zentrale Aspekte wissenschaftlicher Ethik, gesellschaftlicher Verantwortung und formaler Standards. Dieser Artikel bietet eine systematisch aufgebaute Orientierung zur Umsetzung des Genderns in akademischen Texten – inklusive Richtlinien, Argumentationshilfen und konkreter Beispiele.
Warum Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten relevant ist
Sprache formt Wirklichkeit. In wissenschaftlichen Texten bedeutet das: Wer nur das generische Maskulinum verwendet, bildet gesellschaftliche Realität unvollständig ab. Gendergerechte Sprache trägt zur Sichtbarkeit aller Geschlechter bei und entspricht dem Anspruch auf Inklusion und Differenzierung.
Wissenschaftliche Standards und institutionelle Vorgaben
Zahlreiche Hochschulen und Forschungsinstitutionen empfehlen oder verlangen mittlerweile geschlechtergerechte Sprache in Abschlussarbeiten. Die Vorgaben unterscheiden sich jedoch erheblich: Manche Fakultäten schreiben eine bestimmte Form vor, andere stellen die Wahl frei und verlangen lediglich Konsistenz, wieder andere überlassen die Entscheidung der betreuenden Person. Der erste Arbeitsschritt ist deshalb immer derselbe: den Leitfaden der eigenen Hochschule und die Hinweise der Prüfungsordnung lesen – und im Zweifel direkt bei der Betreuung nachfragen.
Gendern und Verständlichkeit
Ein häufiger Einwand lautet, gendergerechte Sprache mache Texte schwerer lesbar. In unserer Lektoratspraxis zeigt sich jedoch: Bei konsistenter und handwerklich sauberer Anwendung bleibt die Verständlichkeit erhalten. Probleme entstehen vor allem dann, wenn Formen gemischt werden („Studierende“ neben „StudentInnen“ neben „Student*innen“) oder wenn Genderzeichen in grammatisch unpassenden Konstruktionen stehen. Konsistenz ist hier ebenso wichtig wie bei anderen Fragen der Wissenschaftssprache Deutsch.
Formen des Genderns: Überblick und Bewertung
Es existieren verschiedene Möglichkeiten, geschlechtergerechte Sprache umzusetzen. Die Wahl hängt vom Kontext, den formalen Vorgaben und der Zielgruppe ab.
Binnen-I, Genderstern und Doppelpunkt
- Binnen-I („StudentInnen“) ist stilistisch etabliert, aber nicht barrierefrei.
- Genderstern („Student*innen“) gilt als inklusiv, wird jedoch nicht überall akzeptiert.
- Doppelpunkt („Student:innen“) wird zunehmend als barrierefreie Alternative empfohlen, da Screenreader ihn meist als kurze Pause vorlesen.
Wer seine Arbeit zugleich barrierefrei gestalten möchte – etwa für die digitale Veröffentlichung – findet weiterführende Hinweise im Beitrag zu barrierearmen Dokumenten.
Paarform und neutrale Formulierungen
Die Paarform („Studentinnen und Studenten“) ist klar, aber stilistisch schwerfällig, besonders bei häufiger Wiederholung. Neutrale Begriffe („Studierende“, „Lehrkräfte“, „Fachpersonen“) bieten eine elegante Lösung, sind jedoch nicht in jedem Fall verfügbar oder präzise genug.
Der Drei-Fragen-Test zur Wahl der Genderform
Aus unserer Beratungspraxis hat sich ein einfacher Entscheidungsweg bewährt. Stellen sich nacheinander drei Fragen:
- Gibt es eine verbindliche Vorgabe der Hochschule oder Fakultät? Wenn ja, gilt diese – ohne Ausnahme.
- Existiert eine neutrale Formulierung, die präzise ist? Wenn ja, ist sie meist die beste Wahl, weil sie Lesbarkeit und Inklusion verbindet.
- Welche Kurzform passt zur Textsorte und Zielgruppe? Erst jetzt fällt die Wahl zwischen Doppelpunkt, Stern oder Paarform – und sie gilt dann für den gesamten Text.
Methodik zur Umsetzung in Abschlussarbeiten
Hauck & Autoren empfehlen eine vierstufige Vorgehensweise zur Integration gendergerechter Sprache:
- Analyse der institutionellen Vorgaben (Leitfäden, Prüfungsordnung)
- Auswahl geeigneter Genderformen je nach Textsorte und Lesbarkeit
- Konsistente Anwendung im gesamten Text
- Validierung durch sprachliches Feedback und professionelles Lektorat

Beispielhafte Formulierungen
- Statt: „Der Student muss seine Ergebnisse präsentieren.“ Besser: „Die Studierenden präsentieren ihre Ergebnisse.“
- Statt: „Der Autor geht davon aus …“ Besser: „Die Autorin bzw. der Autor geht davon aus …“ oder „Die Person geht davon aus …“
- Statt: „Jeder Teilnehmer erhält einen Fragebogen.“ Besser: „Alle Teilnehmenden erhalten einen Fragebogen.“
Wichtig für die wissenschaftliche Praxis: Direkte Zitate werden unverändert übernommen, auch wenn sie nicht gendern. Gendergerechte Sprache gilt für den eigenen Text – Eingriffe in fremde Formulierungen wären eine Verfälschung der Quelle.
Tools und Hilfsmittel
Empfehlenswert sind die Leitfäden der eigenen Hochschule, die Empfehlungen der Dudenredaktion zur gendergerechten Sprache sowie barrierefreie Schreibempfehlungen, etwa von der Aktion Mensch. Solche Hilfsmittel ersetzen allerdings keine Endkontrolle: Ob die gewählte Form wirklich durchgängig umgesetzt wurde, zeigt erst eine systematische Schlussprüfung des Manuskripts.
Herausforderungen und Kritikpunkte
Gendern ist nicht unumstritten. Kritik bezieht sich häufig auf Lesbarkeit, Ästhetik oder ideologische Fragen. Wissenschaftlich relevant ist jedoch vor allem die Frage nach Verständlichkeit und formaler Akzeptanz. Typische Schwierigkeiten in der Praxis sind:
- Uneinheitliche Vorgaben zwischen Hochschulen
- Stilistische Herausforderungen bei komplexen Texten
- Technische Probleme bei automatisierten Prüfungen (z. B. Plagiatstools)
- Unsicherheit bei Zitaten und Quellenangaben
- Mangelnde Kenntnis über barrierefreie Schreibweisen
Fazit: Gendern als Teil wissenschaftlicher Verantwortung
Gendergerechte Sprache ist kein formaler Zusatz, sondern Ausdruck wissenschaftlicher Sorgfalt und gesellschaftlicher Verantwortung. Wer Abschlussarbeiten verfasst, sollte sich mit den institutionellen Vorgaben vertraut machen und eine konsistente, verständliche und inklusive Sprache wählen. Für weiterführende Unterstützung empfehlen wir unser Angebot im Bereich Sprachcoaching und wissenschaftliches Lektorat.
„Inklusive Sprache ist kein Stilmittel, sondern ein wissenschaftlicher Standard.“ — Hauck & Autoren


